Hinter den Bild
Man sieht ein Foto oft nur für einen Augenblick.
Was man nicht sieht, sind die Wege dorthin.
Die frühen Morgenstunden. Die langen Spaziergänge durch Städte und Landschaften. Das Warten auf das richtige Licht. Die Kilometer auf Straßen, in Zügen und auf Bahnhöfen. Die Stunden des Lernens, Zweifelns und Übens.
Man sieht nicht die Kameras, die Objektive, die Filme und die Notizbücher voller Ideen. Man sieht nicht die Zeit vor dem Bildschirm, die Bildauswahl, die Entwicklung und die Nachbearbeitung. Man sieht nicht die Investitionen in Ausrüstung, Weiterbildung und Werkzeuge, die notwendig sind, um eine Vision Wirklichkeit werden zu lassen.
Man sieht nicht die Geduld.
Nicht die Tage, an denen das Wetter nicht mitspielt. Nicht das Warten auf den richtigen Moment. Nicht die Reisen, um ein Motiv zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu erleben.
Man sieht nicht die Konzentration.
Die Aufmerksamkeit für Licht und Schatten. Die Suche nach der richtigen Perspektive. Die Entscheidung über Bildaufbau, Fokus und den einen Augenblick, in dem alles zusammenkommt.
Und manchmal sieht man auch den Schweiß nicht.
Nicht die schweren Taschen auf den Schultern. Nicht die kalten Morgen im Winter. Nicht die Hitze eines Sommertages. Nicht die Müdigkeit nach Stunden auf den Beinen.
Und manchmal sieht man auch das Blut nicht.
Die kleinen Verletzungen. Die aufgeschlagenen Finger. Die Kratzer alter Kameras. Die Filme, die misslingen. Die Momente, in denen Technik, Wetter oder Zufall gegen einen arbeiten.
Ein Bild entsteht nicht erst in dem Moment, in dem der Auslöser gedrückt wird.
Es entsteht durch Zeit, Geduld, Konzentration, Fehler, Erfahrung, Schweiß und manchmal sogar durch ein kleines Blutopfer an eine störrische Mittelformatkamera.
Jedes Foto trägt die Summe aller Wege in sich, die zu ihm geführt haben.
Wenn Menschen ein Bild betrachten, sehen sie oft nur das Ergebnis.
Der Fotograf sieht die Reise.
Manche Bilder kosten nur einen Knopfdruck. Andere kosten Zeit, Geduld, Schweiß und ein wenig Blut.
Was folgt, ist diese Reise: von ihrem Anfang bis hierher.
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Der Anfang
Manche Wege beginnen nicht aus Neugier, sondern aus Notwendigkeit.
Meiner begann mit einem Verlust. Mit der Suche nach etwas, das ich tun konnte, während vieles andere sich meiner Kontrolle entzog. Eine Kamera war kein Plan. Sie war ein Ausweg.
Meine erste war eine Lumix DC-FZ82. Nichts Besonderes, dachte ich damals. Ein Werkzeug, mehr nicht.
Aber irgendwann, zwischen all den Bildern, die ich machte, um mich abzulenken, bemerkte ich etwas: Linien, die sich in der Stadt wiederholten. Licht, das eine Fassade in zwei Welten teilte. Den Moment, in dem sich ein Bild nicht mehr zufällig zusammensetzte, sondern ich begann, ihn bewusst zu sehen.
Ich hatte kein Auge dafür gesucht. Es war einfach da, unter dem, was mich zur Kamera gebracht hatte.
Aus einem Ausweg wurde eine Sprache.
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Der Umweg zurück
Ich stamme aus einer Generation, die das Analoge noch kannte, bevor es wieder zur Kunst wurde. Meine erste Kamera war eine kleine Kompaktkamera mit Kleinbildfilm. Mit ihr entstanden meine ersten bewussten Bilder, irgendwo in Georgien.
Digital brachte mir Kontrolle. Aber je länger ich damit arbeitete, desto mehr suchte ich etwas anderes: nicht mehr Möglichkeiten, sondern weniger. Weniger Ablenkung, mehr Entscheidung.
Also begann ich zu recherchieren.
Eine Hasselblad 500C fiel mir ins Auge, war aber zu teuer für den Anfang. Eine Arsenal Kiev 88 folgte, versagte jedoch nach der zweiten Testphase. Zu dieser Zeit plante ich bereits mein Berlin-Projekt und brauchte etwas Verlässliches. So kam ich zur Mamiya RB67 Pro S.
Das Interesse wuchs weiter. Ich holte mir alte Kameras: eine Ica Dresden aus den 1920er-Jahren, eine Balda Juwela von 1930, eine Agfa Billy Record von 1933. Werkzeuge aus einer Zeit, in der ein Bild noch etwas kostete.
Ich machte einen Kurs in analoger Schwarzweiß-Entwicklung. Dort erwachte ein neues Interesse: die Nassplatten-Fotografie mit Kollodium, ein Handwerk, das noch langsamer ist als alles, was ich bisher kannte.
Vor einiger Zeit bekam ich die Konica Autoreflex TC meines verstorbenen Onkels Françesc Sanchez Lopez. Ich wollte wissen, ob sie noch lebt.
Sie lebt.
Bald kommt eine Zorki C dazu, die ich auf Herz und Nieren prüfen werde. Später vielleicht eine Leica IIIc oder IIIf, für die Straße.
Warum analog?
Handwerk. Entschleunigung. Physische Werke.
Dinge, die bleiben, wenn man sie in der Hand hält.
— Carlos E. Buscaglia
© Carl Photogalerie
